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Abschlussarbeiten

Sebastian Kühle

Bikesharing in Mittelstädten

Handlungsempfehlungen für die Umsetzung eines Fahrradverleihsystems für Berfuspendler in Holzminden und Höxter

Ein Ziel dieser Arbeit ist es, zu überprüfen, ob und unter welchen Bedingungen sich Bikesharing-Konzepte auf Mit- telstädte übertragen lassen. Im Laufe der Bearbeitung hat sich gezeigt, dass eine Fixierung auf Großstädte bei der Planung und Umsetzung von ö entlichen Fahrradverleihsystemen nicht gerechtfertigt ist. Weniger die Einwohner- zahl der Stadt ist aus schlaggebend, sondern viel mehr die Ausgangsbedingungen vor Ort. Dazu zählen natürlich Faktoren wie zum Beispiel die Topographie, strategische Faktoren wie die Zielsetzung oder die identi zierte Nutzer- gruppe (hier sind auch Kombinationen sinnvoll) sowie räumliche Faktoren wie der genaue Aktionsraum. Neben dem vorgestellten System in Biel gibt es dafür noch zahlreiche weitere internationale Beispiele. Obwohl auch viele Klein- und Mittelstädte in Deutschland Interesse an einem ÖFVS zeigen, ist die Zahl der tatsächlich umgesetzten Projekte eher gering. Das liegt zum einen daran, dass die beiden großen deutschen Betreiber, Nextbike und Call a Bike, sich meistens auf hoch frequentierte Orte konzentrieren, da sich dort vermeintlich höhere Gewinne erwirtschaften las- sen und zum anderen daran, dass in deutschen Städten das Thema der Fahrradverleihsysteme eher abwartend und vorsichtig betrachtet wird. Das widerum lässt sich dadurch erklären, dass für klare und gesicherte Angaben zu benö- tigten Kosten und erfolgversprechender Dimensionierung noch die Erfahrungen fehlen. Das gilt insbesondere für Klein- und Mittelstädte. Eine Umsetzung von Bikesharing-Konzepten in kleineren Städten ist also durchaus möglich, wenn die Systeme an die vorhandenen Bedingungen angepasst sind und nicht einfach von Großstädten übertragen werden.

Im folgenden Verlauf der Arbeit werden die Ausgangsbedingungen der Region Holzminden-Höxter für die Um- setzung eines ö entlichen Fahrradverleihsystems für die Nutzergruppe der Berufspendler untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass vor allem Binnen-Pendler mit einem Arbeitsweg von maximal 10 Kilometern für eine potenzielle Nutzung in Frage kommen, insbesondere wenn sie außerhalb der allgemein gültigen Arbeitszeiten arbeiten (Nacht- schichten etc.). Um diese Zielgruppe davon zu überzeugen, ihr Auto stehen zu lassen und Fahrrad zu fahren, braucht es starke Argumente. Während sich die Förderung der körperlichen Fitness oder des Umweltschutzes als weniger überzeugend herausgestellt haben, sind es o enbar die Zeitersparnis im Berufsverkehr und unter Umständen auch der Kostenfaktor, die Berufspendler zu Fahrradfahrern machen.

Auch wenn die Ausgangsbedingungen in Höxter und Holzminden im ersten Moment als vielversprechend erschei- nen (hohe Pendlerver echtung, guter Unternehmensbestand, Fahrradtourismus), zeigen sich im Laufe der Bear- beitung auch einige Herausforderungen. So ist die Fahrradinfrastruktur abseits der touristisch genutzten Routen im besten Fall mittelmäßig, was im Grunde kein K.O.-Kriterium ist, da Fahrradverleihsysteme nicht zwingend darauf angewiesen sind und die Entwicklung sogar unterstützen können, aber die Fahrradbegeisterung der Bewohner auch nicht unbedingt fördert. Zusätzlich erschwert die Topographie in beiden Städten die Nutzung des Fahrrads.

Auf Grund der sehr unterschiedlichen Infrastruktur- und Verkehrsbedingungen in Groß- und Mittelstädten ist die zuvor ermittelte Hauptmotivation, die Zeitersparnis mit dem Fahrrad gegenüber dem Auto im Berufsverkehr, in Holzminden und Höxter nicht gegeben. Die mehrheitlich geringen Entfernungen innerhalb der Städte und die gro- ße Zahl an Parkplätzen in den Gewerbegebieten führen außerdem dazu, dass sich die Kostenersparnis durch die Benutzung eines Leihrades auf einfachen Wegen vermutlich in Grenzen halten wird. Daher wird es schwer sein, eine nennenswerte Verkehrsverlagerung, weg vom MIV und hin zum Fahrrad, zu bewirken. Möglicherweise kann bzw. sollte das Hauptaugenmerk von Fahrradverleihsystemen in Mittelstädten auch nicht darauf liegen, Menschen in ihrer Verkehrsmittelwahl zu beein ussen, sondern diejenigen zu unterstützen, die ohnehin schon an den ö entli- chen Verkehr gebunden sind und mit langen Fahrzeiten oder geringen Zeittaktungen leben müssen. Gemeint sind Berufspendler, die kein eigenes Auto zur Verfügung haben, keinen Führerschein besitzen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht dazu in der Lage sind.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss eine enge Kooperation zwischen dem ÖPNV und dem Fahrradverleihsystem ent- stehen. Dazu gehört nicht nur die Platzierung der Leihräder an Bushaltestellen, sondern auch die Integration der Tarifsysteme sowie die Bündelung der generellen Infrastruktur. Für die Dimensionierung muss zunächst auf Nutze- rumfragen und Durchschnittswerte aus anderen Städten zurückgegri en werden, im späteren Verlauf können bei- spielsweise durch die Auswertung von GPS-Sendern an den Rädern genauere Aussagen zu der benötigten Anzahl und den häu ger genutzten Routen gemacht werden. Der Einsatz von Pedelecs wird empfohlen, um die vorhande- ne Topographie in den Stadtgebieten mühelos zu bewältigen und das Interesse am Fahrradverleihsystem durch den Einsatz von hochwertigen Rädern weiter zu fördern.

Es hat sich herausgestellt, dass die Finanzierung von ö entlichen Fahrradverleihsystemen am besten auf einer Kom- bination verschiedener Einnahmequellen basiert, da die Ausleihgebühren alleine für einen kostendeckenden Be- trieb nicht ausreichen. Daher sollte auch in Holzminden und Höxter nach Partnern gesucht werden, die das Projekt unterstützen. Im Gegenzug erlangen die Partner Werberechte am und mit dem System oder bestimmte Vergüns- tigungen bei der Nutzung. Sowohl in Höxter, als auch in Holzminden gibt es viele Unternehmen, die sicherlich ein Interesse an einer Kooperation hätten. Unterstützt werden kann das ÖFVS aber nicht nur durch direkte, nanzielle Unterstützung, sondern auch durch die Verbesserung der Bedingungen für Fahrradfahrer am Arbeitsplatz. Schließ- fächer, Umkleideräume oder Trockenräume für nasse Kleidung sind nur einige Beispiele. Auch die Stadt muss sich hier angesprochen fühlen, denn gezielte Marketing- und Aufklärungsmaßnahmen sind nicht nur bei der Einführung eines solchen Systems wichtig, sondern auch danach.

Abschließend sind zwei Empfehlungen zu nennen, die eher einen theoretischen Charakter haben und als Denk- anstoß für mögliche Entwicklungspotenziale zu verstehen sind. Zum einen handelt es sich dabei um einen Rad- schnellweg auf dem ursprünglichen Verlauf der Bahnstrecke Holzminden-Scherfede, der endlich eine zielstrebige Verbindung zwischen Holzminden und Höxter darstellt und somit auch die Berufspendler zwischen den beiden Städten ansprechen könnte. Zum anderen wird darüber nachgedacht, wie ein Teil der Autofahrer vielleicht doch von einer regelmäßigen Nutzung des Fahrradverleihsystems überzeugt werden kann. Mit Hilfe eines Punktesystems soll der Gebrauch der Leihräder mit zusätzlichen Vorteilen und Vergünstigungen im lokalen Einzelhandel, in städtischen Einrichtungen oder bei der Krankenkasse belohnt werden.