Mittwoch, 13 Dez 2017
 
 

Ein Wort vorweg

will mehr sein, als ein Konzept für die Wohnung, oder für die - wie auch immer geartete - "Wohnungshülle" von morgen. Wir sind nicht im politikfreien Raum aktiv und sind uns keineswegs sicher, dass das politisch motivierte Wachstumsmodell von heute zukunftsweisend ist. Verschrottungsprämien, Biodiesel als Lebensmittelverdränger und die Dauer-Subventionierung unwirtschaftlicher Unternehmen sind Beispiele kurzfristiger Politik. Wachstum der Zukunft wird vielleicht ein ganz anderes sein, als das, was wir gestern und heute als Ziel bemüht haben. Die gesellschaftlichen Ungleichgewichte wachsen mit beängstigender Geschwindigkeit. Die Tragik: keine politische Partei im Bundestag entwickelt Alternativen oder Visionen. Alle reden von "Stellschrauben" an denen man die Gesellschaft in eine wünschenswerte Zukunft drehen wolle.

Wir glauben, dass uns diese "Stellschraubenpolitik" noch über die nächsten Jahre mehr schlecht als recht retten wird. Dann müssen neue Ideen her. Kollektiv intelligente Unternehmens-Netzwerke und ressourcenschonende Wiederverwendung von Rohstoffen sind sicher keine Allheilmittel, aber wir sind davon überzeugt, dass sie wichtige Instrumente einer künftigen gesellschaftlichen Entwicklung sein können. Das hat weitreichende Folgen. Viele Industriebranchen von heute müssen sich umorientieren, unser Einkommen wird genauso wie unser Konsum sinken. Netzwerke gewinnen an Bedeutung, ein nachhaltiger Wertewandel tritt ein. Nachbarschaftshilfe kompensiert den wachstumsorientierten Kauf unsinniger - weil überflüssiger - Waren. Die Verlagerung von Massenarbeitsplätzen nach Asien lässt die Arbeitslosigkeit weiter steigen.

Mit solchen Ansichten stehen wir keineswegs alleine da: In "Deutschland und Europa 2020 - ein Zukunftsszenario", Brandeins 10/03 stellen die Autoren des Büro für Zukunftsgestaltung fest:

"Die Beziehungen halten (2020) wieder länger. Vielleicht gerade, weil sie nicht mehr so zementiert erscheinen wie früher. Man befindet sich eine Zeit lang auf gleichem Kurs und bewegt sich, ohne die eigene Selbstständigkeit aufzugeben, im Schwarm der Wahlverwandten, die sich durch Sympathien, Lebensumstände und gemeinsame Interessen gefunden haben.

Wie in den privaten Beziehungen hat auch im Geschäftsleben die Schwarm-Metapher das Bild des Netzwerkes abgelöst. Netzwerk klingt in den Ohren der Menschen von 2020 fürchterlich technisch und starr. Das Wort Schwarm hingegen verheißt die volle individuelle Beweglichkeit und zugleich die Fähigkeit, nahezu instinktiv gemeinsam zu handeln – aus der kollektiven Intelligenz heraus. Erfolgreiche Unternehmen definieren sich als Schwärme von Mitarbeitern, die durch gemeinsame Leitbilder zusammen und auf Kurs gehalten werden.

Die Saurier des Industriezeitalters, die Großkonzerne, sterben aus. Allerdings sehr, sehr langsam." ...

...."Auch der Konsum, Anfang des Jahrtausends noch von zahlreichen Krisenerscheinungen wie allgemeine Kaufunlust, weitgehend gesättigten Märkten und Rabatt-Orgien gekennzeichnet, hat einen deutlichen Bedeutungswandel erfahren. Auch das Wirrwarr aus Happy Digits, verschiedensten Basis- bis Premium-Stufen, unübersichtlichen Paket-Geschäften, immer neuen Handy-Features ist inzwischen wieder im Orkus gescheiterter Marketing-Ideen verschwunden. Vor dem Hintergrund gesunkener öffentlicher und beitragsfinanzierter Leistungen steht Konsum zwar immer stärker in Konkurrenz zu privaten Ausgaben für Gesundheit und Bildung, doch im Unterschied zu früher wird darüber nicht mehr lamentiert. Vielmehr konzentrieren sich immer mehr Menschen auf die wirklich wichtigen Dinge und Werte: Klarheit, reeller Nutzen und individuelle Zeitsouveränität.

Die Wirtschaft hat – unabhängig von aller Marktforschung – dabei viel gelernt. Produkt-Individualisierung und die Einbindung des Käufers in den Produktionsprozess (Personal Fabbing) haben sich in vielen Bereichen durchgesetzt. Aber die Hersteller wissen, dass sie damit nur dann erfolgreich sein können, wenn sie den Verbraucher nicht mit übermäßiger Komplexität behelligen.

Langlebige Waren mit ansprechender Produktgeschichte und zeitlosem Design finden ebenso Absatz wie immaterielle Nutzen-statt-Kaufen-Services.

Am erfolgreichsten sind Produkte und Dienstleistungen, die sich klar am Konsumentennutzen orientieren und ein Maximum an angenehm und sinnvoll verbrachter Lebenszeit garantieren."

 

Das traditionelle Verständnis von Schwarmintelligenz

Unser traditionelles Verständnis von "Schwarmintelligenz" lässt sich als Verhalten von vielen Individuen charakterisieren, die nach einfachen Regeln handeln. Als Ergebnis dessen entstehen komplexe Verhaltensmuster, die allein auf Grundlage der einfachen zugrunde liegenden Regeln nicht immer erkennbar sind und zu denen die einzelnen Individuen nicht fähig waren. Diese Gruppen zeichnen sich durch Selbstorganisation, Anpassungsfähigkeit und Robustheit aus.

Intelligenz zeigt sich hier nicht, wie im üblichen Intelligenzbegriff beim Menschen, als Fähigkeit Fakten und Zusammenhänge zu verstehen, neues Wissen zu erwerben und dieses zur Lösung von Problemen zu nutzen. Vielmehr beschreibt Intelligenz hier die Fähigkeit ein Gruppengedächtnis aufzubauen und Probleme in einer Gruppe zu lösen, indem jedes Mitglied einen Teil dazu beiträgt. Im Gegensatz zum Menschen ist hier die Zusammenarbeit in der Gruppe zum Erreichen des Ziels von essenzieller Bedeutung.

Die Natur verblüfft uns immer wieder mit hochkomplexem Verhalten bei Tieren in großen Gruppen. Angefangen bei der blitzartigen Bewegung eines ganzen Fischschwarms, über die Nahrungssuche der Ameisen und Bienen bis hin zum Fluchtverhalten einer Elchgruppe. Bei genauerem Hinschauen beruht dieses Verhalten aber zumeist auf wenigen sehr simplen Regeln.

Besonders beeindruckend dabei ist die Tatsache, dass Schwärme sich den sich täglich stellenden Herausforderungen tatsächlich nur im Kollektiv stellen können. Alleine auf sich gestellt hat weder eine Biene noch eine Ameise die leiseste Ahnung, was zu tun wäre. Noch dazu gibt es kein dominantes Alpha-Tier, das die übergroße Kolonie militärisch anführt. Die ernannte Königin bei Ameisen oder bei Bienen dient ausschließlich dem Erhalt des Volkes und hat keine Führungsaufgaben.

Vielmehr ist es die Summe der einzelnen Individuen, die erst aus der einzelnen Hilflosigkeit eine schnell reagierende und effizient arbeitende Kolonie macht. Alleine versteht keines der Tiere den großen Sinn hinter den sich täglich anhäufenden Puzzleteilen, dennoch leistet jedes einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg. Das Phänomen der kollektiven Intelligenz wäre deshalb auf Unternehmen an denen Menschen mitarbeiten treffender. Im Kollektiv werden Lösungen gefunden, die für das einzelne Tier unmöglich gewesen wären.

Die Idee, diese Leistungen auf Unternehmen zu übertragen ist nicht neu. Es war ein Hirnforscher namens Warren McCulloch, der sich in den vierziger Jahren diesem Phänomen der nicht hierarchischen Ordnung mit einem Begriff näherte: Heterarchie - die Herrschaft der Nachbarn. Die Heterarchie der Nervenzellen hat den Vorteil der Redundanz von potenziellen Befehlen. Diese Überlegenheit gegenüber der Hierarchie, der Herrschaft des Heiligen, wurde erstmals während des Zweiten Weltkriegs diskutiert.

Ameisen sind ein Paradebeispiel für Schwarmintelligenz und eines der Vorbilder für deren Nutzung in der Informatik. Eine einzelne Ameise ist nicht besonders intelligent und kann keine komplizierten Aufgaben bewältigen. Im Gegensatz dazu vollbringt ein ganzer Ameisenstaat Erstaunliches und passt sich gut an neue Gegebenheiten seiner Umwelt an. Sie bilden Staaten mit einigen hundert bis zu mehreren Millionen Individuen. Trotz dieser riesigen Anzahl funktioniert ein Ameisenstaat erstaunlich gut, da er sich selbst organisiert ohne ein Individuum, das einen Überblick über alle Aufgaben hat oder diese sogar verteilt.

Bienen nutzen Schwarmintelligenz bei der Nahrungssuche. Kundschafterinnen und Sammlerinnen, die von der Pollensuche zurück kommen, führen einen Tanz auf und zeigen damit Richtung und Entfernung der Nahrungsquelle mit der Richtung und Geschwindigkeit ihres Tanzes in Abhängigkeit vom Sonnenstand an.

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Schwarmfische sind ein erstaunliches Beispiel für schnelle Reaktion auf äußere Einflüsse. Ein Leben im Schwarm hat verschiede Vorteile für den einzelnen Fisch. Ein Angreifer wird wahrscheinlich schneller entdeckt von einer großen Gruppe als von einem Individuum; bei einem Angriff wird der Angreifer verwirrt, da es schwerer ist einen einzelnen Fisch im Schwarm auszumachen und zu jagen und zuletzt lassen sich Angreifer täuschen und glauben der Schwarm sei ein einziger größerer Fisch. Sie folgen also den einfachen Regeln "Halte dich in einem bestimmten Abstand zu anderen Fischen auf" und "Schwimme so schnell wie deine Nachbarn". Im Angriffsfall entsteht hieraus abhängig von der Art sehr komplexes Verhalten. Einige Fischarten lassen den Schwarm "explodieren", indem alle Fische geordnet auseinanderströmen; andere schlagen einen Haken und begeben sich hinter den Angreifer; wieder andere teilen den Schwarm und zwingen den Angreifer somit, sich für einen Teil zu entscheiden. Auch hier gibt es wieder keine Instanz, die den Schwarm lenkt. Vielmehr beeinflussen die Fische, die von der Gefahr wissen implizit durch ihr eigenes Fluchtverhalten den ganzen Schwarm.

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Jeder Vogel versucht während der Manöver den stärksten Partner zu finden und neben ihm bis zum Rastplatz zu fliegen, um ihm dann am Morgen zu den guten Futterstellen zu folgen. Meist sind die stärksten Mitglieder der Gruppe männliche, erwachsene Stare und fliegen im Innersten des Schwarms, weil es für sie dort am sichersten ist. Die Flügelschläge jedes einzelnen Vogels sind synchronisiert. Selbst bei einer zackigen Richtungsänderung fällt keiner aus der Reihe. Sie nehmen die gleiche Geschwindigkeit und Richtung wie ihre Nachbarn an. Die dritte Regel besagt, dass sie das tun, was die anderen tun. Diese einfachen Regeln produzieren einen Durchschnitts-Effekt, der alle möglichen sehr komplexen Formen, wie etwa Wellen, die durch den Schwarm ziehen, erklärt.

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Elche wandern in Gruppen. Befindet sich ein Wolf in nicht unmittelbarer Nähe sind sie aufmerksam. Kommt er über eine bestimmte Schwelle sind sie in Alarmbereitschaft versetzt und bereiten sich auf seinen Angriff vor. Doch erst wenn er eine weitere Schwelle überschreitet ergreift ein Tier nach dem anderen geordnet, wie in einer Welle, die durch die Herde geht, die Flucht. Diese geordnete Flucht verwirrt den Angreifer und kommt jedem einzelnen Elch zugute da kein Chaos entsteht. Jeder Elch weiß, wann und in welche Richtung er fliehen muss um die Herde nicht zu gefährden und selbst zu entkommen.

Schaben sind Gruppentiere und halten sich gern zusammen in dunklen Bereichen auf. In einem Versuch hat man eine künstliche Schabe in eine Gruppe Schaben gebracht. Sie stellten zwei verdunkelte Plätze zur Verfügung und die Schaben zogen sich gemeinsam zurück in einen davon. Man geht davon aus, dass sie nach der einfachen Regel "Laufe umher und verbringe mehr Zeit an dunklen Orten an denen es andere Schaben gibt", handeln, um einen Platz zu wählen. Die künstlichen Schaben wurden aufgrund eines ähnlichen Dufts angenommen, interagierten mit den echten und fanden einen Ruheplatz. Nun wurden sie so programmiert, dass sie nicht mehr dunkle Plätze aufsuchen sondern helle. Nach nicht langer Zeit befanden sich auch die echten Schaben im hellen Unterschlupf. Im Experiment mit 12 echten Schaben waren dazu vier Roboterschaben nötig. Dieses Experiment zeigt, dass es möglich ist Schwarmverhalten aktiv zu beeinflussen. Vielleicht ist es ja schon bald nicht mehr nötig Schaben mit wenig Erfolg versprechendem Gift zu behandeln, sondern man bringt sie völlig biologisch unbedenklich dazu, sich an einen Ort zu versammeln, an dem man sie einsammeln und beseitigen kann.

 


Der Ameisenstaat als Modell der Schwarmintelligenz

Erste Ansätze kollektiver Intelligenz in Wissenschaft und Wirtschaft zu nutzen

Zukunftsweisende Nutzung kollektiver Intelligenz in Unternehmensverbünden

Unterschiede der Ansätze von Schwarmintelligenz im tierischen und humanen Organisationsspektrum

Trends, Bildung, Schwärme - Zusammenhänge und ein Blick ins Jahr 2020

Was kann Wohn-Vision-2020 von Ameisen lernen?