Mittwoch, 13 Dez 2017
 
 

Entschleunigung - esotherischer Blödsinn oder zukunftsweisendes Modell?

"Dem Streben nach Verlangsamung liegt die Auffassung zugrunde, dass die gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Entwicklung in den entwickelten Industriegesellschaften eine Eigendynamik gewonnen habe, die Hektik und sinnlose Hast in alle Lebensbereiche hineintrage und dabei jedes natürliche und insbesondere menschliche Maß ignoriere. Dem Streben der Berufswelt nach Komplexität, Effektivität, Hast, Hektik, schneller, höher, weiter und mehr wird die Entschleunigung entgegengesetzt. Dabei geht es nicht um Langsamkeit als Selbstzweck, sondern um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen in einem umfassenden Sinn: im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur." (Wikipedia 2009)

Deregulierung und Outsourcing sind Mechanismen die zu einer Entschleunigung beitragen sollen. Wir werden Gasmann, Bankangestellte, Kassierer, Bahnbeamte, Softwareexperte, Postbote, Reiseberater … .

Die einen sind durch ihre Sozialisation darauf vorbereitet, die anderen fühlen sich abgehängt. Mehr oder weniger ausgeprägt führen die Generationen seit Menschengedenken diesen Kampf.  Der Begriff "Sozialisation" kann definiert werden als die Entstehung und Bildung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen materiellen, kulturellen und sozialen Umwelt. Kann es sein, dass diese Zyklen zur Persönlichkeitsbildung immer kürzer werden, ist es also so, dass wir während eines Lebensalters von vielleicht 80 Jahren vier, fünf, sechs oder sogar mehr Lebenszyklen miterleben? Je mehr Zyklen wir erleben, desto anstrengender wird es, sie zu verstehen oder gar sich "up to date" zu halten.

zukunftsweisendes Modell
esotherischer Blödsinn

Die ZEIT schreibt am 18.10.2007 einen Artikel mit dem Thema "Wie wollen wir leben?"

... "In den vergangenen 15 Jahren haben Propheten der Beschleunigung – Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker – alles gepriesen und beschworen, was Menschen normalerweise schwerfällt oder sie mit Widerwillen erfüllt: unbegrenzte Flexibilität, nicht enden wollende Anpassungsbereitschaft, ständige Verfügbarkeit. Es scheint, als habe die ganze Gesellschaft den Modus atemloser Hast verinnerlicht. Als könne man gar nicht mehr anders leben. Als müsse man rennen statt gehen. Als wäre der Wunsch nach »Entschleunigung« esoterischer Blödsinn. ..." [mehr...]

Wir fragen uns, was das für unser Leben im Jahr 2020 bedeuten kann?

Wie verhält sich eine Gesellschaft, deren innere Uhr durch permanente Hast immer schneller tickt? Gibt es einen kritischen Punkt ab dem wir versuchen den Trend zu stoppen odr gar umzukehren? Was passiert an diesem Punkt?

Historisch gesehen löst jede Bewegung eine Gegenbewegung aus. Gehen wir also einer entschleunigten Entwicklungsphase entgegen, in der es chick ist nichts zu tun, in der Konsum eine lästige Pflicht zum Überleben und kein Event ist? Was halten Sie - sozusagen als Übergangslösung - von der Idee großer Kaufhäuser in denen es alles gibt, in denen Sie, solange Sie wollen, nach Herzenslust konsumieren können - und wenn Sie Ihren Kaufrausch hinter sich haben, lassen Sie alles da und gehen befriedigt nach Hause. Na ja - ganz ernst gemeint ist das nicht und wesentliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, wie z.B. Imelda Marcos, die Frau des philippinischen Ex-Diktators oder Popstar Mariah Carey behaupten 3.000 bzw. mehr als 10.000 Paar Pumps, Stiefel und Sandaletten besessen zu haben. Das ist sicher krank und kompensiert psychische Defizite der beiden Diven. Aber die Frage muss erlaubt sein: Sind wir alle ein bisschen gaga - konsumtechnisch gesehen? Was passiert, wenn uns das auffällt?

Frank Schirmacher bringt einen Artikel im Spiegel unter dem Titel: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit - Wer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer." und problematisiert die Informationsflut.

Sascha Lobo meint in seiner Gegenrede zu Schirmacher (siehe links) im Spiegel 50/2009, dass der so geäußerte Kulturpessimismus eher "... einer wärmenden Heizdecken-Kommunikation von alten Männern für alte Männer, die sich gegenseitig bestätigen, dass früher alles besser war...." gleicht. ... "Die intellektuelle Elite glaubte über viele Jahre, der Erfüllung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses immer näher zu kommen: dem Wunsch nach der Beherrschbarkeit der Welt, die uns umgibt." ... "Zu allen Zeiten gaben Tempo und Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen samt ihrer Auswirkungen auf die praktisch bereits verloren gegebene Jugend der vorhergehenden Generation Grund zur Klage. Das älteste mir bekannte Beispiel führt Platon in seinem "Phaidros"-Dialog aus. Dort lässt er Sokrates in bunten Geschichten aus dem alten Ägypten auf die schädliche Erfindung der Buchstaben schimpfen. Diese verhinderten, dass die Menschen überhaupt noch auswendig lernten. Mehr noch, Sokrates hält diejenigen für einfältig, die glauben, dass "aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entstehen" könnte."

... "Im virtuellen Raum des Netzes herrschen andere Regeln als in der traditionellen Medienlandschaft. Eben noch wählte eine Redaktion aus, was ihr wichtig erschien; jetzt wird im Internet hochgespült, was ausreichend viele Menschen für interessant halten. Das redaktionsgetriebene Diktat der Relevanz wird ergänzt durch das Diktat der Interessantheit. Damit bedroht ein neuer Filter die Macht der Redaktionen. Mit dem uralten Instrument dieser Empfehlung wählt das Kollektiv im Netz aus, was es für interessant genug hält, um weiterverbreitet zu werden. Alle sozialen Netzwerke von Twitter über Facebook bis zur Gesamtheit der Weblogs basieren auf der Empfehlung: "Schau her, was ich hier Interessantes habe!" ..."

Machen wir also nur Wind als ewig gestrige, die einfach - wie alle paar Generation zu erwarten - abgehängt werden? Mit Sokrates wäre man ja in bester Gesellschaft. Nachdenklich sollte allerdings machen, dass sie den griechischen Philosophen wegen schlechten Einflusses auf die Jugend hingerichtet haben. Bis zum Schluss sahen er und seine Schüler die Angelegenheit gelassen, denn für sie lag dem ein klares Fehlurteil zugrunde.