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28. August 2017 09:17

Mit Leitungswasser gegen den Klimawandel

Land unter in den Niederlanden: Julian Sietz, Professor Manfred Sietz, Aurel Antoci, Patrick Hoffmeister und Philipp Horbeck (v.l.) zeigen, welche Auswirkungen der Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter hätte.

Deutschland verfehlt voraussichtlich seine Klimaziele. Studierende des Umweltingenieurwesens der Hochschule OWL rechnen vor, mit welchen einfachen Maßnahmen jeder einen Beitrag dazu leisten könnte, den Anstieg des Meeresspiegels zu verringern.

Die Bundesregierung hat sich dazu verpflichtet, die deutschen Treibhausgasemissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Bisher geschafft sind laut Umweltbundesamt rund 28 Prozent. Verfolgt man die Schlagzeilen zum Thema, so glaubt kaum noch jemand daran, dass die fehlenden zwölf Prozent in den kommenden drei Jahren zu realisieren sind. Wie jede einzelne Bürgerin und jeder Bürger den Klimawandel positiv beeinflussen kann, haben Studierende des Umweltingenieurwesens an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe am Standort Höxter im Rahmen der Lehrveranstaltung „Ökobilanzierung und Kohlenstoffdioxid“ berechnet. Ihre Rechenbeispiele: Alle Bundesbürger trinken nur noch Mineralwasser aus ihrer Region. Alle Bundesbürger trinken Leitungswasser statt Mineralwasser. Alle Haushalte und Unternehmen nutzen Regen- statt Trinkwasser für die sanitären Anlagen. „Das sind einfache Maßnahmen, wie wir mit kleinen Konsumänderungen den Klimawandel verlangsamen können. Wir wollen Gedankenanstöße liefern“, fasst Professor Manfred Sietz vom Fachbereich Umweltingenieurwesen und Angewandte Informatik der Hochschule OWL zusammen, der die Lehrveranstaltung geleitet hat.

Deutschlands Beitrag

Deutschland will mit seinen Klimaverpflichtungen den Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls gerecht werden – das zielt unter anderem auf einen maximalen Anstieg des Meeresspiegels von einem halben Meter. Dieser halbe Meter wäre nur einzuhalten, wenn der weltweite Energiebedarf aus dem Jahr 2014 für die folgenden 86 Jahre bis zum Jahr 2100 konstant bliebe. „Das ist unter anderem aufgrund der steigenden Weltbevölkerung eine unrealistische Annahme“, sagt Sietz. Gemeinsam mit seinen Studierenden geht der Chemiker von einer Verdoppelung bis Verdreifachung des Energiebedarfes aus – Resultat wäre ein Anstieg des Meeresspiegels um einen bis anderthalb Meter. Die Berechnungen der Höxteraner Studierenden zeigen, dass von einem Anstieg um anderthalb Meter alleine Deutschland drei Zentimeter verursachen würde.

Wasserkonsum ändern

Im Folgenden haben die Studierenden energetische Berechnungen durchgeführt, die auf dem Höxteraner Wärmefußabdruck basieren (siehe Stichwort). So haben sie den Wärmefußabdruck von drei verschiedenen Sorten Wasser miteinander verglichen: Leitungswasser, regionales Mineralwasser mit einem Transportweg von 30 Kilometern und ausländisches Mineralwasser, das vom italienischen Bergamo nach Höxter geliefert wird. Ergebnis: Wenn alle Deutschen statt italienischem regionales Mineralwasser trinken würden, würde sich der weltweite Anstieg des Meeresspiegels um 0,1 Prozent reduzieren – gleiches gilt für einen Umstieg aller Deutschen von regionalem auf Leitungswasser. „Das klingt erstmal wenig – wäre aber allein ein deutscher Beitrag und deshalb schon eine gigantische Leistung“, so Professor Sietz.

Eine Reduzierung des Anstieges um 0,3 Prozent haben die Studierenden für ein drittes Handlungsbeispiel eruiert: die Umstellung der sanitären Anlagen in allen deutschen Haushalten und Unternehmen von Trink- auf Regenwasser. „In Deutschland wird Trinkwasser für die Toilettenspülung genutzt, obwohl es auf der Welt nicht überall genug Trinkwasser gibt“, sagt Student Aurel Antoci und betont: „Die Technologie für eine Umstellung auf Regenwasser gibt es schon, außerdem ist eine finanzielle Förderung durch die Regierung möglich. Zumindest beim Bau neuer Häuser sollte der Einsatz von Regenwasser Standard werden.“

Energiebedarf hinterfragen

„Ich bin inzwischen komplett auf Leitungswasser umgestiegen. Das ist kein großer Schritt und birgt noch einen weiteren Vorteil: Ich muss keine Flaschen mehr schleppen – Leitungswasser ist also auch noch bequemer“, sagt Julian Sietz, der wie seine Kommilitonen Umweltingenieurwesen im vierten Semester studiert. „Durch unser Studium beschäftigt man sich automatisch viel mehr mit dem Energiebedarf. Man hinterfragt mehr und versucht zum Beispiel öfters, auf das Auto zu verzichten oder das Licht auszuschalten“, ergänzt Philipp Rohrbeck. „Es ist ein Faktum, dass der Meeresspiegel bis 2100 ansteigen wird – Geschwindigkeit und Ausmaß können wir jedoch beeinflussen“, betont Professor Sietz und verweist: „Es gibt schon jetzt erste Inseln, die wegen dem Anstieg des Meeresspiegels geräumt werden müssen.“

Stichwort: Wärmefußabdruck

Um die Nachhaltigkeit messbar zu machen, hat Professor Manfred Sietz von der Hochschule OWL den Wärmefußabdruck entwickelt und in einem im Springer-Verlag erschienenen Fachbuch veröffentlicht. Gemessen wird dabei die Abwärme, die bei jeder Energienutzung entsteht: „Aufgrund von schlechten Wirkungsgraden wird bei allem was wir tun Abwärme ungenutzt in die Atmosphäre freigesetzt – beispielsweise durch Reibung. Diese Abwärme ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel, neben Kohlendioxid und Überkonsum“, so Sietz, der dementsprechend mit dem Wärmefußabdruck die Nachhaltigkeit eines Unternehmens, eines Hauses oder eines Produktes darstellen kann: Der berechnete Wärmefußabdruck ist dabei die Grundfläche eines Eiswürfels, der durch die freigesetzte Abwärme in einem Jahr geschmolzen wird – und das unwiderruflich, denn einmal geschmolzenes Eis kann nur durch erneute Energiezufuhr wieder gefroren werden.

Kontakt: Professor Manfred Sietz, Telefon 05271 687-7120, E-Mail manfred.sietz(at)hs-owl.de