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22. Dezember 2016 15:04

Studierende und Berufstätige zeigen ähnliche Marktinstinkte

Von A wie Autoglas bis Z wie Zucker: Auf vielen Märkten ist es in der Vergangenheit zu verbotenen Preisabsprachen der Hersteller gekommen. Die Strafen lagen zum Teil im dreistelligen Millionenbereich. Noch im Herbst 2016 sorgte das LKW-Kartell für Furore. Der gesamtwirtschaftliche Schaden ist enorm: Steigt der Preis für LKW, steigen die Frachtraten der Speditionen und damit die Preise aller per Achse transportierten Güter. Ein Team vom Fachbereich Produktion und Wirtschaft der Hochschule OWL geht dem Phänomen des Kartells nach – erstmals haben nun Marktexperimente mit Berufstätigen stattgefunden.

Welche Marktbedingungen begünstigen eine Kartellbildung und wie lassen sich Kartelle verhindern? Diese Frage stellen Professor Korbinian von Blanckenburg und Professorin Elke Kottmann vom Fachbereich Produktion und Wirtschaft der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Sie betreiben Marktexperimente und arbeiten dafür in dem noch relativ jungen Feld der experimentellen Ökonomik. Computergestützt werden dabei Märkte simuliert, auf denen – in der Regel – Studierende ihr fiktives Unternehmen am Markt positionieren sollen. In mehreren Spielrunden entscheiden sie dann über Preise und Mengen. Im November 2016 stellten sich die Forscherinnen und Forscher nun einer weiteren Herausforderung: Sie variierten im Rahmen eines Forschungsprojekts von Doktorand Christian Beyer die Teilnehmergruppen – erstmals haben Berufstätige aus Lemgo und Umgebung an den Experimenten teilgenommen.

Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob sich die „Professionals“ im Experiment anders verhalten als die Studierenden – eine entscheidende Frage, wenn es darum geht inwieweit sich die Resultate der Experimente mit den Studierenden verallgemeinern lassen. Das Ergebnis: Beide Gruppen passen ihr Verhalten auf ähnliche Weise an, wenn sich die Wettbewerbsbedingungen auf einem Markt verändern. Qualitativ lassen sich die mit den Studierenden erzielten Forschungsergebnisse also durchaus übertragen. Beispielsweise klettern in beiden Teilnehmergruppen die Preise schnell nach oben, erlaubt man ihnen in geringem Umfang miteinander zu kommunizieren. Dies lässt sich über erfolgreiche Preisabsprachen begründen.

In quantitativer Hinsicht, also bezogen auf das tatsächlich auf einem einzelnen Markt realisierte Preisniveau, zeigen sich jedoch signifikante Unterschiede. Konkret zeigen die Forschungsergebnisse, dass Berufserfahrung die Teilnehmerinnen und Teilnehmer offenbar befähigt, im Schnitt höhere Preisniveaus zu erreichen. Auch und insbesondere dann, wenn sie nicht miteinander kommunizieren können – ein Phänomen, das in Fachkreisen implizite Kollusion genannte wird. „Dies ist im Rahmen der Kartellforschung in dieser Art von Setting ein neues Ergebnis“, sagt Professor von Blanckenburg und meint: „Jetzt gilt es zu untersuchen, welche Wettbewerbsgesetze die größte abschreckende Wirkung auf Kartelle haben. Bisher haben wir lediglich gezeigt, wie es zu Kartellen kommt. Dies war der erste Schritt.“

Professor von Blanckenburg, der in Lemgo seit 2014 im Bereich Wettbewerbsökonomie forscht, erklärt zum Hintergrund der Marktexperimente: „Zunächst gilt es zu verstehen, wie sich Unternehmen in bestimmten Marktsituationen verhalten.  Anschließend untersuchen wir die entscheidenden Treiber für illegale Absprachen.“ In den Marktexperimenten werden verschiedene Szenarien getestet. Mal ist es möglich mit dem jeweiligen Konkurrenten zu kommunizieren, mal wird man lediglich mit dessen unkommentierten Entscheidungen konfrontiert. Die Bandbreite möglicher Versuchsanordnungen, so genannten Treatments, ist groß. Die Frage ist: Wann stellt sich ein „fairer“ Wettbewerbspreis ein und wann greifen Unternehmen zu illegalen Preisabsprachen? Die Verhaltensunterschiede zwischen den Treatments sind es, die die Forscherinnen und Forscher besonders interessieren.

Am Ende eines Experimentes werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer realen Belohnung am Erfolg ihres Unternehmens beteiligt. „Dieser Anreiz ist wichtig, damit die Teilnehmenden das unter realen Bedingungen zu berücksichtigende Gewinnstreben in ihre Entscheidungen einbeziehen“, sagt Professor von Blanckenburg. Mit den Doktoranden Eva Tebbe und Christian Beyer und unter Mitwirkung von Professorin Elke Kottmann sowie der technischen Unterstützung von den Mitarbeitern Gerhard Scherfeld und Harald Langhorst hat er bereits mehrere unterschiedliche Marktkonstellationen in der Hochschule OWL mit Studierenden untersucht. Eigens für die Experimente hat das Holzlabor des Fachbereichs Produktion und Wirtschaft Stellwände hergestellt, mit denen sich die Computerräume binnen kurzer Zeit in Experimentierlabore verwandeln lassen.

Auch die in Deutschland seit 2000 gültige Kronzeugenregelung, nach der ein beteiligtes Unternehmen straffrei bleibt, wenn es mit den Kartellbehörden kooperiert, wurde an der Hochschule OWL experimentell überprüft. Die Ergebnisse aus Marktexperimenten niederländischer Forscher hatten der Kronzeugenregelung eine eher kartellstabilisierende Wirkung attestiert. Im Rahmen der (laufenden) Doktorarbeit von Eva Tebbe konnte diese Tendenz zunächst einmal bestätigt werden. Auch hier wird in Zukunft weiter geforscht. Die aktuellen Ergebnisse wollen die Lemgoer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einschlägigen internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen.