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17. November 2016 15:02

Wohnmediziner fordert Gesundheitsausweis für Gebäude

Diskutierten kontrovers: Professor Manfred Pilgramm, Julia Kirch, Dr.‘in Julia Hurraß, Professor Klaus Fiedler, Professor Jens-Uwe Schulz und Jürgen Muck (v.l.). Es fehlt auf dem Bild: Christoph Kirch.

Diskutierten kontrovers: Professor Manfred Pilgramm, Julia Kirch, Dr.‘in Julia Hurraß, Professor Klaus Fiedler, Professor Jens-Uwe Schulz und Jürgen Muck (v.l.). Es fehlt auf dem Bild: Christoph Kirch.

Einen Gesundheitsausweis für Gebäude ähnlich dem Energieausweis hat der Wohnmediziner Professor Klaus Fiedler anlässlich des 6. Wohnmedizinischen Symposiums gefordert, das am vergangenen Wochenende an der Hochschule OWL in Detmold stattfand. Knapp 100 Besucherinnen und Besucher verfolgten auf dem Campus Detmold die Fachvorträge von Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland.

„Tatort Innenraum – ‚Wohngiften‘ auf der Spur!“ – unter dieser Überschrift nahm Professor Klaus Fiedler (Berlin) den gesamten Wohnraum unter die Lupe. Er kritisierte unter anderem, dass es ein optimales Material für Fassaden noch nicht gebe. Wünschenswert wäre: kein Erdölprodukt, Amortisierung in zehn Jahren, unbrennbar, von höchster Dämmwirkung bei geringster Dämmschichtdicke und ungiftig. Sinnvoll wäre ferner eine Lebensdauer von Dämmmaterial und dessen Befestigung entsprechend der Standzeit der Häuser. Fiedler weiter: „Die Wohnmediziner fordern, einen Gesundheitsausweis für Gebäude verpflichtend einzuführen.“ Grundsätzlich gelte, dass die meisten gesundheitlichen Probleme in oft älteren Wohnungen aufträten. Für den künftigen Wohnungsbau sei eine engere Zusammenarbeit zwischen Architekturbüros und Wohnmedizin wünschenswert.

Damit bereits bei Miete oder Kauf einer Immobilie potenzielle Gefährdungen ausgeschlossen werden können, soll es künftig eine wohnmedizinische Checkliste geben, die einfach in der Handhabung und knapp gehalten ist, sagte Julia Kirch (Hochschule OWL). „Die wohnmedizinische Checkliste soll eine Beurteilungshilfe für Wohnungssuchende, Bauleute und Sachverständige sein“, erläuterte Kirch, die gemeinsam mit dem Detmolder Wohnmediziner Professor Manfred Pilgramm die Liste erarbeitet. Bisherige Listen seien veraltet und zu lang. „Wir wollten den Umfang reduzieren“, so Kirch. Damit erst werde die Liste für eine breite Anwenderschicht nutzbar. Zusammen mit dem Fachbereich Medienproduktion werde eine digitale Anwendung angestrebt, die eine Klärung der wichtigsten wohnmedizinischen Fragen in maximal 20 Minuten ermöglichen soll. Diese Weiterentwicklung wird laut Pilgramm in der Fachwelt positiv aufgenommen.

„Lehm: Dichtung und Wahrheit“ – unter dieser Überschrift hinterfragte Professor Jens-Uwe Schulz (Hochschule OWL) Lehm als Baustoff kritisch, nachdem dieser beim vorigen Wohnmedizinischen Symposium überwiegend positiv bewertet worden sei. Ein weiteres Thema der Tagung: leiser, aber störender tieffrequenter Schall im Wohnumfeld. Seine Untersuchungen hierzu stellte Jürgen Muck (Zellingen) vor. Mögliche Infraschallquellen und tieffrequente Störquellen seien menschengemacht. Er nannte als Verantwortliche unter anderem Wärmepumpen, Klima-, Lüftungs- oder Heizungsanlagen, Blockheizkraftwerke, Supermarktventilatoren oder Transformatoren. Auch Windenergieanlagen, Stahlbetonbrücken, Flugzeuge oder Kläranlagen könnten eine Ursache sein.

Wie krank macht Schimmel wirklich? Dieser Frage nahm sich Dr.‘in Julia Hurraß (Köln) an. Im April 2016 sei die neue Leitlinie „Schimmelpilzexposition in Innenräumen, medizinisch klinische Diagnostik“ veröffentlicht worden. Der Grund: Laut Hurraß fehlten bisher Empfehlungen zum diagnostischen Vorgehen bei gesundheitlichen Beschwerden, die von Patienten auf Schimmelpilzexpositionen zurückgeführt werden. Gleichwohl seien Feuchteschäden in Innenräumen und damit verbunden Schimmelpilzwachstum weit verbreitet. Nach Auffassung der WHO stellen diese ein relevantes Gesundheitsrisiko dar.

Ein ruhiges und zugleich ökologisch eingerichtetes Büro bei möglichst offenen Strukturen stellte Christoph Kirch (Hochschule OWL) vor. Die Lösung sei hier Raum-in-Raum-Systeme. Der Ausbautrend im Office-Bereich gehe nach wie vor hin zu offenen Bürostrukturen, da sie gegenüber dem Einzelbüro Vorteile aufwiesen: die verbesserte Kommunikation der Nutzer, die Möglichkeit zur teamorientierten Arbeitsweise oder auch die flexible Raumnutzung. Gleichzeitig stellten sich beim Großraumbüro oft Probleme ein wie ein hoher Geräuschpegel sowie visuelle Ablenkung, Konzentrationsschwierigkeiten und Stress. Die aus Erfahrungen der Vergangenheit abgeleitete Lösung besteht laut Kirch derzeit meist darin, dass man ein den Nutzungen entsprechendes, differenziertes Raumangebot schafft, das öffentliche Bereiche von den Bereichen trennt, die mehr Ruhe benötigen. In diesem Zusammenhang würden heute verstärkt Raum-in-Raum-Systeme nachgefragt, die sich auch nachträglich in größere Raumzusammenhänge einfügen ließen. Akustisch werden dabei zwei Funktionen benötigt: die Schalldämmung, die eine Pegelminderung durch die Wand erreicht, und die Schallabsorption im Raum, die in Kombination mit den verwendeten schallharten, schallreflektierenden Materialien (Glas) erst für eine ruhige Akustik im Rauminneren sorgt, in dem sie die Schallreflektionen reduziert. Auch vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft gebe es künftig höhere Anforderungen an die Raumakustik.

Zufrieden äußerte sich Tagungsorganisator und Moderator Professor Pilgramm: „Das Symposium war ein großer Erfolg. Wir haben viel und auch kontrovers diskutiert.“ Am meisten sei die neue Checkliste besprochen worden. Es stehe nun an, sie möglichst bald im Internet zu veröffentlichen.

Die CD mit Vorträgen des Wohnmedizinischen Symposiums kann angefordert werden unter wohnmedizin.fb1(at)hs-owl.de.